DIE SEITE DREI, Dienstag, 18. September 2007, Stuttgarter Nachrichten Nr. 216
Wie einem Fremden ein Stuttgarter Wahrzeichen anvertraut wurde
Chefredakteur Jürgen Offenbach über Breuninger-Chef Willem G. van Agtmael zu dessen 60. Geburtstag
Blutjung, mit 25, begann seine
Erfolgsbiografie der ganz besonderen
Art: Von Heinz Breuninger,
dem Stuttgarter Kaufhauskönig,
wurde er auserwählt, der familienfremde
Nachfolger zu werden.
In 35 Jahren hat Willem G. van
Agtmael, der am 19. September
60 Jahre alt wird, Breuninger zur
exklusiven nationalen Marke für
Mode und Lifestyle gemacht.
Heute ist er Miteigentümer des
Unternehmens.
Die Modehauskette beschäftigt 4500
Mitarbeiter an 11 Standorten in
Deutschland: im Stammhaus Stuttgart,
in den großen Breuningerländern
Sindelfingen und Ludwigsburg sowie in
Reutlingen, Freiburg, Karlsruhe, Frankfurt,
Nürnberg, Erfurt, Leipzig und Dresden. Der
Umsatz der Gruppe liegt bei 530 Millionen
Euro. Fünf Häuser an anderen Standorten,
die sich als unrentabel erwiesen, wurden
nach dem Jahr 2000 wieder geschlossen.
Als die große Lebensgeschichte für den
Niederländer Willem G. van Agtmael begann,
war er gerade 25 Jahre, das traditionsreiche
Stuttgarter Kaufhaus – eine Institution,
fast ein Wahrzeichen – beinahe
viermal so alt. Kommerzienrat Eduard
Breuninger hatte es 1881 gegründet. Das
erste Breuningerland in Ludwigsburg war im
Bau; damit überschritt Heinz Breuninger,
Kaufhauserbe der dritten Generation, erstmals
die Stuttgarter Markung. Es war 1972
bei der Eröffnung des Holiday Inn in Sindelfingen,
als er den Niederländer Willem G.
van Agtmael kennenlernte. Der hatte dort
seine Karriere als Hoteldirektor begonnen.
Da ist der 52-Jährige von der quirligen
Intelligenz des jungen Holländers so fasziniert,
dass er ihn zu sich ins Stuttgarter
Stammhaus einlädt: „Schauen Sie sich das
mal an. Was würden Sie hier anders machen?“
Das Abtasten, Prüfen geht über
Monate. Endlich fällt der Schlüsselsatz:
„Ich möchte, dass Sie mein Nachfolger
werden. Wir probieren es zwei Jahre – dann
entscheiden wir.“
Von da an lässt der Kaufhaus-Eigner dem
jungen Mann eine sehr lange Leine. Auch
als van Agtmael in einem Perspektivpapier
die Umsteuerung „vom patriarchalischautoritärenzum
menschenorientierten Führungsstil“
verlangt, antwortet Breuninger
nach kurzer Bedenkzeit: „Herr van Agtmael,
machen Sie! Das ist die Zukunft!“
Im Testament zum
Erfolg gezwungen
Schon bevor für Heinz Breuninger die
Nachfolgefrage klar und ihm der junge Holländer
begegnet war, hatte er das Unternehmen
in eine Stiftung umgewandelt. Die Familie
– Frau und drei Töchter – hatte auf
ihre Pflichtteile verzichtet. Aber auch als er
Willem G. van Agtmael als Firmenchef einsetzte,
stellte Heinz Breuninger die Zukunft
seines Unternehmens über alles. Etwa dadurch,
dass er seinen jungen Nachfolger mit
testamentarischer Verfügung zum Erfolg
zwang: Van Agtmael oder sein Nachfolger
müsse aus seiner Funktion ausscheiden,
wenn das Unternehmen an drei aufeinanderfolgenden
Jahren keinen angemessenen Gewinn
mache – ausgenommen das Haus
schreibe geplante Verluste, zum Beispiel wegen
hoher Investitionen. Am 19. September
1980 – es war der Tag des 33. Geburtstags
von Willem van Agtmael – starb Heinz Breuninger
im Alter von 60 Jahren in einer
Münchner Klinik an Krebs.
Ein durchgreifender Zeiten- und Wertewandel
beginnt. Willem van Agtmael folgt
mit seinem Konzept der Individualisierung
der Gesellschaft oder, wie er es nennt, „der
Aldisierung“. Das heißt, der Kunde kaufe
an der einen Stelle ganz bewusst besonders
günstig und leiste sich an anderer Stelle dafür
durchaus etwas Luxuriöses. Er entwickelt
ein „heterogenes Verhalten auf allen
Ebenen, auch als Konsument“. Die Geschwindigkeit
des Lebens, die Ungeduld des
Umgangs haben im Zeichen von Handy,
Laptop und E-Mail unerhört zugenommen.
„Heute“, sagt van Agtmael, „erwarten die
Menschen umgehend Antwort, wenn es
geht, auf dem Taschencomputer noch während
des Essens.“
Weil die klassische Mitte der Gesellschaft
kleiner wird und diese Käuferschicht
schrumpft, entscheidet sich der Breuninger-
Chef für das gehobene bis luxuriöse
Segment. Damit gelingt es der Breuninger-
Gruppe, in den Premiumbereich vorzustoßen
und sich von der Konkurrenz abzusetzen.
Auch im Ertrag liegt die Stuttgarter
Kaufhausgruppe deutlich über dem Branchenschnitt.
„Heute sind wir der größte
Exquisit-Anbieter in Deutschland. Es gibt
kein exklusiveres Haus in unserer Größenordnung.“
Trotzdem: „Die letzten drei bis vier Jahre
war diewirtschaftliche Entwicklung besonders
im Textileinzelhandel sehr schwierig“,
räumt van Agtmael ein. Umsomehr half der
Strategiewechsel der Gruppe, sich von dieser
Negativ-Entwicklung mit großem Erfolg
abzukoppeln.
Eine Herausforderung der besonderen
Art ist und bleibt ein exklusiver Service.
„Man kann Freundlichkeit und Herzlichkeit
bei Verkäufern nicht schulen. Solche
Menschen muss man suchen und finden.“
Beim Gang durch das Stuttgarter Stammhaus
weist er stolz darauf hin, wie viele Beschäftigte
einem hier lächelnd mit offenen
Gesichtern begegnen – und „keineswegs
nur, weil ihnen der Chef gerade entgegenkommt“.
Und nun, nachdem das alles erreicht ist?
Ander fast schon demonstrativen Zurückgezogenheit
von Willem G. van Agtmael hat
das alles nichts geändert. Zu Reichtum und
Einfluss gekommen, ist er bis heute das Gegenteil
eines Society-Hoppers. Er macht
sich rar, wie wenige in seiner Rolle. Die
gängige Frage, ob er mit seinem Unternehmen
verheiratet sei, weist er in spontaner
Entrüstung zurück. Verheiratet sei er mit
seiner Frau, dieser großartigen Lebensbegleiterin,
und mit niemandem sonst. Überhaupt
sei er bekennender Familienvater,
und die Kraft, die aus der Familie komme,
nütze auch dem Unternehmen. Seine beiden
Töchter und sein Sohn sind inzwischen ebenfalls
im Unternehmen tätig.
Reichtum? „Wer wie ich in 40 Jahren alles
selbst erarbeitet hat, geht bescheiden damit
um.“ Einfluss und Macht? „Natürlich habe
ich das heute. Aber es ist alles geliehen.“ Lebensfreude,
Hobbys? „Ja, die Arbeit macht
mir viel Freude. Erfolg ist ein Kick. Ich habe
viel Spaß am Leben. Und Sie glauben gar
nicht, wie unwahrscheinlich viel wir zu
Hause lachen. Alles, was mit Meer und Luft
zu tun hat, ist mein Hobby: Wassersport, Segeln!
Und Fliegen, ja Fliegen! Seit über 20
Jahren. Zweimotorige Maschinen. Nein,
keine Jets. Auch kein eigenes Flugzeug. Das
wäre mir viel zu teuer.“ – Selbstbetrachtungen.
Und wie wirkt dieser außergewöhnliche
Selfmademan, der es vom Wahl-Nachfolger
zum Miteigentümer als geschäftsführender
Gesellschafter gebracht hat, auf Außenstehende?
Schon bei spontaner Begegnung vermittelt
sich das Weltläufig-Elegante dieses
Mannes im dezent-perfekten Outfit. Er ist
hoch kommunikativ, vielsprachig mit perfektem
Englisch, und der letzte Rest des niederländischen
Akzents macht sein makelloses
Deutsch noch ein wenig prickelnder.
Van Agtmael ist einer der anregendsten Gesprächspartner,
welche die Stuttgarter
Society zu bieten hat.
Zur Zukunftssicherung
eine Vision: Da Vinci
Sechzig geworden mit so viel Lebensleistung
und Erfolg – was kann da noch Großes
kommen? Das „Was“ heißt Da Vinci. Im
Frühjahr 2007 hat Willem van Agtmael die
Stuttgarter Öffentlichkeit sozusagen aus
heiterem Himmel mit seiner Vision überrascht,
und die Resonanz, auch der Medien,
war ungewöhnlich positiv.DaVinci – das ist
ein weitläufiger hochmoderner Gebäudekomplex,
der an den Stuttgarter Karlsplatz
angrenzt und sich hinter dem Alten Schloss
vom Kleinod der Markthalle bis zur Konrad-
Adenauer-Straße hinüberzieht. Dort
soll das Leben pulsieren. Neben Büros sollen
ein Hotel sowie attraktive Läden und
Kneipen angesiedelt sein. Sein Traumbaumeister
ist sein Landsmann, der international
renommierte Stararchitekt Ben van Berkel.
Dieser hat 2006 mit dem neuen Mercedes-
Museum ein vielgepriesenes und zukunftsweisendes
neues Wahrzeichen für
Stuttgart geschaffen.
So will Willem van Agtmael sein Unternehmenmit
mehreren Tausend Arbeitsplätzen
(als Arbeitgeber in der Region Stuttgart
an 16. Stelle) zukunftsfest machen. Dies
umsomehr, als nach der positiven Entscheidung
für Stuttgart 21 ein Ungleichgewicht
für das jetzige Breuninger-Quartier zu erwarten
ist. Es hat eine städtebauliche Aufwertung
dringend nötig. Schon einmal,
1989, wurde mit der Breuninger-Kuppel als
Karlspassage ein besonderer Akzent gesetzt.
Bis heute ist diese Kuppel ein Publikumsmagnet
geblieben.
Komme nun die neue Aufwertung des ganzen
Quartiers um das Stuttgarter Rathaus
herum, sagt van Agtmael, dann habe Stuttgart
noch eine Attraktion mehr, um zu den
einladendsten Städten der Welt aufzuschließen.
Er muss sein großes Projekt weder als
Geschenk an Stuttgart noch als persönlichen
Geburtstagswunsch zum Sechzigsten
deklarieren. Van Agtmael ist auch so voller
Zuversicht: „Warten Sie ab! Wir eröffnen
Da Vinci im September 2012!“
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