Freitag, 9. Juni 2006,  treffpunkt foyer, Stuttgarter L-Bank.

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Präsident der klaren Worte: Horst Köhler redet Politik und Gesellschaft ins Gewissen


Beim treffpunkt foyer der Stuttgarter Nachrichten fordert das Staatsoberhaupt Konzentration auf Wesentliches.


Humorvoll, nachdenklich, bürgernah und erfrischend undiplomatisch: 600 Gäste erlebten am Mittwochabend einen starken Auftritt von Bundespräsident Horst Köhler beim treffpunkt foyer unserer Zeitung in der Stuttgarter L-Bank.

Worte zu finden, möglichst treffende – das ist die Aufgabe des Bundespräsidenten. Auf diese Tätigkeit versteht sich Horst Köhler, das neunte Staatsoberhaupt der Bundesrepublik, immer besser. Kunststück, könnte man sagen. Seine Worte werden lange gewogen, ehe sie in die Öffentlichkeit gelangen, sie werden von Redenschreibern ersonnen und sorgfältig aneinander gefügt. Reden sind das eine, frei reden etwas anderes. Richtig! Wie aber redet Horst Köhler ohne Manuskript? Welche Worte wählt er im journalistischen Frageund- Antwort-Spiel vor großem Publikum?

treffpunkt-foyer_Horst-Koehler_4.jpg In seiner Rolle als Bundespräsident hat der ehemalige Ludwigsburger Horst Köhler so etwas noch nie gemacht. Chefredakteur Jürgen Offenbach, Moderator des Abends, spricht deshalb von einem „Heimspiel mit Premierencharakter“. Es wird mit Spannung erwartet. 600 Gäste haben im Foyer der L-Bank Platz gefunden – Leserinnen und Leser unserer Zeitung, dazu Prominenz aus Politik und Wirtschaft. Wenn der erste Mann im Staat auftritt, dürfen der erste Mann im Land, Günther Oettinger, und der erste Mann der Landeshauptstadt, Wolfgang Schuster, nicht fehlen. Sie sitzen in Reihe eins bei der Präsidentengattin. Als Köhler in Begleitung von Offenbach das Podium betritt, sind zahlreiche Objektive auf ihn gerichtet. Fernsehkameras laufen. Der Informationskanal Phoenix zeichnet die Veranstaltung auf, umsie am Donnerstag in voller Länge auszustrahlen.

Eine Aufwärmfrage zur Fußball-WM (Offenbach: „Wer wird Weltmeister?“ Köhler: „Deutschland hat gute Chancen.“), dann geht’s mitten rein in die Politik: fehlende Lehrstellen, fehlende Qualifikation vieler Schulabgänger aus Migrantenfamilien. Was läuft schief? Sofort nimmt der Bundespräsident den Ball auf. Dass imLand der Dichter und Denker junge Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen, sagt er, „ist eine Schande!“. Hoppla! Erstes Aufhorchen im Saal. Das zweite Aha folgt sogleich: „Die ganze Gesellschaft hat beim Thema Integration geschlafen.“ Schon nach wenigen Minuten spürt das Publikum: Hier geht es zur Sache. Dieser Präsident redet Klartext. Das wird der beherrschende Eindruck des Abends sein.

Ich sage trotzdem meine Meinung
treffpunkt-foyer_Horst-Koehler_1.jpg Die Worte, die Köhler findet, entstammen nicht dem Wortschatz der Diplomaten. Sie sind aus dem Leben gegriffen und wohl deshalb so eingängig. „Mir macht keiner was vor“, sagt er mehrfach. Viele Einsichten entstammen seiner Lebenserfahrung – etwa beim Thema Familie. Offenbach fragt nach Köhlers Meinung zur Familienpolitik. Besteht nicht die Gefahr, alles mit Geld regeln zu wollen? Der zweifache Familienvater antwortet grundsätzlich: „Deutschland gibt viel für Familien aus.“ Doch Geld allein reicht nicht. „Werte sind auf der Strecke geblieben“, weil Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Zuflucht immateriellen Fortschritt gesucht habe. Dann sagt er druckreif: „Es wird Zeit, die materielle Fokussierung in Balance zu bringen mit mehr Aufmerksamkeit für Werte.“ Beifall brandet auf. Köhler scheut sich nicht, von der Familie „als Keimzelle der Gesellschaft“ zu sprechen. In dieser Hinsicht ist er bekennend altmodisch: „Ohne den Basisfaktor Familie hängen wir in der Luft.“ Köhler „wünscht“ sich viel, und er „erwartet“ viel. Vor allem Aufmerksamkeit für das Thema Arbeitslosigkeit. Sein Anliegen Nummer eins.Hier wird er leidenschaftlich, gestikuliert, wendet sich ans Publikum. Es dürfe nicht sein, dass man sich mit der Dauerarbeitslosigkeit abfindet. DieArbeitslosigkeit drücke „auf die Seele der Menschen“ – nicht nur in Ostdeutschland. Perspektivlosigkeit ist die Folge. Köhlers Unmut gipfelt in dem Satz: „Mir macht doch keiner weis, dassman bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit nicht energischer zusammenarbeiten kann. Dies ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der großen Koalition.“ Das klingt nichtwie ein Appell, sondern wie eine Forderung an die Regierung, über die er sagt: „Ich erwarte, dass sie nicht den Weg des kleinen Minimums geht.“
Köhler findet nicht immer die eleganteste Formulierung, doch seine Botschaften kommen an. Geht er manchmal zu weit? Mischt er sich zu stark in die Tagespolitik ein? In knappen Sätzen definiert er sein Verständnis vom höchsten Staatsamt: „Ich bin kein Problemhansel, der ständig Streit sucht.“ Der Bundespräsident dürfe die Dinge „aber nicht verharmlosen“. Der 63-Jährige weiß genau, an welcher Stelle des politischen Parketts es rutschig wird. „Jetzt haben Sie mich an dem Punkt,wo ich zu einem sehr tagespolitischen Thema etwas sagen soll“, meint er, als Offenbach ihn auf das Antidiskriminierungsgesetz der Bundesregierung anspricht. Man könnte erwarten, dass Köhler ausweicht, einen Schritt zurückgeht. Es wäre ein Leichtes. Doch er antwortet: „Ich sage trotzdem meine Meinung: Es ist nicht der richtige Zeitpunkt für dieses Gesetz.“ Die Politik müsse sich auf die Frage konzentrieren, „was jetztwichtig ist“. Köhler weiß, dafür wird er Kritik ernten.

Unverblümt, floskellos, geradeheraus. Der Gast hat längst Profil gewonnen. Offenbach zählt dessen Vita in Stichworten auf. Sie könnte die Überschrift tragen: kleine Verhältnisse, große Karriere. 1943 in Polen geboren, als siebtes von acht Kindern. Flucht nach Deutschland, Aufenthalte in Flüchtlingslagern, aufgewachsen in Ludwigsburg, wo er seine spätere Frau Eva kennen lernte, eine Lehrerin.Als ihr Name fällt, nimmt Köhler Blickkontakt mit ihr auf – ein kurzes Lächeln. Offenbach nennt die beruflichen Stationen: Köhlers tragende Rolle bei der Währungsunion, Chefunterhändler beim Maastricht-Vertrag, Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes, Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau, Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), schließlich Bundespräsident, der Kandidat von Union und FDP.

treffpunkt-foyer_Horst-Koehler_6.jpg Köhler wendet den Kopf zur Seite. Plötzlich füllt sich die Biografie mit Leben. Der Gesangverein aus Herrenberg-Mönchberg betritt das Foyer, „sein Chor“ – eine Überraschung für Köhler, von der Redaktion inszeniert. Drei Jahre lang hat er dort Volksweisen mitgesungen, Volksweisheiten kennen gelernt, Solidarität erfahren – etwa beim Bau des Eigenheims. 25 Herren sind auf der langen Treppe neben dem Podium für ein Ständchen angetreten. Offenbach intoniert das Intermezzo mit Augenzwinkern: „Man hat mir hier ein Liedblatt für Sie gegeben“, sagt er ermunternd. Köhler versteht. Er lässt sich bereitwillig auf die launige Unterbrechung ein. „Ich kann mir’s ja mal ansehen.“ Seine Brille wird ihm aufs Podium gereicht. „Da könnte ich eigentlich mitsingen!“ Sekunden später steht er mitten im Chor. Nur durch den schwarzen Anzug hebt er sich von den Herren in den weißen Kurzarmhemden ab. Dann schmettert der Chor, Köhler schmettert mit – zweite Tenorstimme, wie früher: „Musik liegt in der Luft“ und „Schwabenland“. Das Publikum applaudiert. Köhler lacht. Seine Freude wirkt ungespielt. Sie verfliegt nicht in Sekundenschnelle, wie bei Politikern häufig zu beobachten. Bei ihm klingt das Lachen langsam aus. Dann aber kehrt der Ernst zurück: Stichwort Afrika. Nicht erst seit seiner Tätigkeit als IWF-Direktor hat er ein besonderes Verhältnis zu dem oft vergessenen Kontinent im Süden. Köhler fordert mehr Aufmerksamkeit des Nordens, der „ein gerüttelt Maß an Mitschuld“ für die Situation in Afrika trage. Er sagt aber auch: „Dort macht sich eine große intellektuelle und moralische Kraft bemerkbar. Ich kann uns nur raten, dies wahrzunehmen.“

Herausforderungen sind noch nicht gelöst
Kraft für Veränderungen. Wie sieht es in Deutschland damit aus? „Ist denn wenigstens ein ,Rückle‘ durchs Land gegangen?“, fragt Offenbach in Anspielung auf die berühmte Ruck-Rede von Vorvorgänger Roman Herzog. Köhler spricht von einem „Prozess“, der in Gang gekommen sei, mahnend fügt er hinzu: „Die Herausforderungen sind noch nicht gelöst.“ Das gilt auch für das große Ärgernis Bürokratie. „Sie nimmt uns die Luft weg.“ Offenbach registriert „eruptiven Applaus“.
Köhler lässt sich nicht blenden, und er blendet nicht. Nach eineinhalb Stunden rollt das Frage-und-Antwort-Spiel auf dem Podium aus. Den Abschluss bildet nochmals die WM. „Hebt ein Erfolg der deutschen Mannschaft nachhaltig die Stimmung im Land?“, fragt Offenbach. Die Antwort lautet: „Ich hoffe, dass wir Weltmeister werden. Aber die Welt, die wir besprochen haben, sieht danach nicht viel anders aus.Wir müssen die Realität ins Auge fassen.“ Ein Satz Marke Köhler.Die Dinge sehen, wie sie sind. Er singt mit, er lacht mit, doch er redet nichts schön: „Ich bin nicht für Friede, Freude, Eierkuchen zuständig.“

treffpunkt-foyer_Horst-Koehler_3.jpg Der Abend endet trotzdem nicht mit Schwere, sondern mit Leichtigkeit – mit einem großen Büfett, das die L-Bank auffahren hat lassen, mit Leserkontakten des Bundespräsidenten, der eine weitere Stunde auf Gespräche verwendet – und mit einem Geschenkkorb der besonderenArt. Bevor Köhler vom Podium steigt, tritt auf ein Zeichen der Regie ein anderer Gast hinzu, ein älterer Herr mit weißem Bart: Paul Binder, mit dem Köhler vor gut 30 Jahren einen Dritte-Welt- Laden in Herrenberg gegründet hat. Binder überreicht ihm Produkte des Ladens, einen Fußball und Püppchen, die von Sorgen befreien sollen, natürlich aus fairem Handel. Wieder reagiert Köhler mit unverstellter Freude. Er erinnert sich genau: Binder wollte damals die Welt verändern, er selbst lieber in kleinen Schritten vorgehen. Einträchtig stehen sie Seite an Seite, dann sagt der Präsident schlagfertig, ans Publikum gewandt: „Man sieht, Revolution und Vernunft können sich gut wiederfinden.“ Treffende Worte. Klasse Köhler!

„Sie sind das dritte deutsche Staatsoberhaupt in 36 Jahren, das beim treffpunkt foyer zu Gast ist. Man kann also von einem Jahrzehntereignis sprechen.“
Chefredakteur Jürgen Offenbach bei der Begrüßung des Bundespräsidenten 

„Am Freitag eröffnen Sie die Fußballweltmeisterschaft – der Präsident, nicht der Kaiser!“
Offenbach in Anspielung auf Franz Beckenbauer, der bei der WM-Eröffnung in München nicht reden wird 

„Das wäre der Untergang der Demokratie.“
Köhler auf die Frage Offenbachs, ob Politiker nach der Erfahrung des letzten Bundestagswahlkampfs versucht sein könnten, weniger ehrlich zu sein 

„Ich wünsche mir ehrliche Politiker, die den Bürgern etwas zutrauen.“
Köhler zum selben Thema 

„Wir als Familie sind durch Höhen und Tiefen gegangen.“
Köhler über seine persönliche Situation – seine Tochter ist erblindet und sein Sohn schon mit 17 Vater geworden 

„Wir haben den Menschen in Ostdeutschland zu wenig Freiheit gegeben, um das auszuleben, was sie wollten: Freiheit in Wirtschaft und Gesellschaft.“

„Ich würde mir wünschen, auch in Ostdeutschland würde ab und zu auch mal geschaut, wie geht es den anderen so – in Polen, in der Slowakei. Dann würde jeder feststellen: Es geht in Ostdeutschland sehr gut.“
Köhler zur Lage im Osten 

„Ich bin kein Wachstumspessimist, aber wir müssen uns darauf einstellen, dass wir nichts mehr zusätzlich zu verteilen haben.“
Köhler zu den Staatsfinanzen 

„Die Lage ist ernst, aber die Menschen sollte nicht der Mut verlassen.“
Köhler zu den Herausforderungen, denen sich Deutschland gegenübersieht 

„Bei so großen Fotografien sieht man die Falten so arg.“
Köhler beim Signieren seines Bildes



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