DIE SEITE DREI, Samstag, 11. November 2006, Stuttgarter Nachrichten, Nummer 261

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Wie sich eine unermüdliche Frau für schwer kranke Kinder der Region einsetzt


Chefredakteur Jürgen Offenbach porträtiert Stefanie Schuster, die Präsidentin der Olgäle-Stiftung

Kinderland Baden-Württemberg oder Stuttgart als kinderfreundlichste Großstadt. Große Ziele, große Worte. Doch konkrete Kinderliebe trägt hier zu Lande den Namen einer rastlos engagierten Frau: Stefanie Schuster.

Ihr Hoffen und Bangen, ihr Klinkenputzen für Spendengelder und ihr Kinderköpfe- Streicheln gehören zum Überzeugendsten, was derzeit bei uns an Kinderfreundlichkeit vorgeführt wird.
Hoffen und Bangen - hier in der Bismarckstraße im Stuttgarter Westen sind das die Schlüsselworte. Von tausenden von Eltern und Kindern aus der Region Stuttgart und darüber hinaus. Hoffen und Bangen - denn wenn es problematisch wird, werden sie alle hierher geschickt. Das Olgahospital, schwäbisch- liebevollOlgäle genannt, gilt als beste Fachklinik fürKinderkrankheiten weit und breit. Spezialisierung ist überlebensnotwendig: Denn wenn einKind die gleiche Krankheit hat wie ein Erwachsener - Krebs, schweresAsthma, Glasknochen -, so ist es doch etwas ganz anderes und verlangt meist eine völlig andere Therapie.
Wer hier durch die Flure geht, erlebt das Leid in seiner aufrüttelndsten Form. Es ist das Leid der Kinder, der Krebspatienten mit den Chemotherapie-kahlen Köpfen, der keuchenden und dahinhumpelnden kleinen Patienten und denen mit den grässlichen Unfallverbrennungen. Das sind nicht irgendwelche Kinder - von irgendwo und irgendwem. Es sind zu 47 Prozent Kinder aus der Landeshauptstadt, 45,7 Prozent aus der Region Stuttgart, 4,3 Prozent kommen aus Baden- Württemberg und die übrigen aus Deutschland und dem Ausland. Sobald ein Fall medizinisch dramatisch wird, schicken Ärzte und Krankenhäuser die Schwerkranken ins Olgäle.

Von Leukämie werden rund 80 Prozent geheilt
Viele Menschen wissen das nicht einmal vor Ort in Stuttgart: Das Olgäle, das so niedlich-klein klingt, ist mit heute rund 400 Betten das größte Kinderkrankenhaus Deutschlands und eines der großen in Europa. Pro Jahr werden dort 100 000 Kinder ambulant und rund 16 000 stationär behandelt. Es war - 1849 von Königin Olga, einer russischen Zarentochter, in Stuttgart gegründet - vor anderthalb Jahrhunderten eines der ersten Kinderhospitäler Europas.
Nicht wenige Fachleute sagen, es liege heute mit dem Department-System seiner 15 hoch spezialisierten Chefärzte und Ärztlichen Leiter, die alle klinischen Disziplinen abdecken, medizinisch mit an der Spitze. So werden manche Zahlen nicht nur zu Erfolgszahlen, sondern - viel wichtiger - zu Zahlen der Hoffnung. Rund 80 Prozent der Leukämiefälle werden geheilt. Nicht ohne Grund gilt gerade die Kinderkrebsstation samt Kinderradiologie als Schwerpunktzentrum für ganz Deutschland.
Sich hier anrühren zu lassen, ist nicht schwer, eher zwangsläufig, wenn man diesen Kinder- und Elternschicksalen gegenübersteht. Schwerer ist es, den Kampf zu kämpfen, den Stefanie Schuster als Präsidentin des Vorstands der Olgäle-Stiftung für das kranke Kind e. V. kämpft. Ehrenamtlich, wohlverstanden - und privat schießt sie sogar noch einiges zu. Sie ist Ärztin und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Und Ehefrau des Stuttgarter Oberbürgermeisters Wolfgang Schuster obendrein. Ein Privileg? Strategischer Vorteil bei der praktizierten Menschlichkeit? Es sieht so aus - verhält sich aber etwas anders.
Gerade weil sie die OB-Gattin ist und weil das Olgäle schon vor dem Neubau konstant in den roten Zahlen steckt und jährlich über sieben Millionen Euro städtischen Zuschuss benötigt, gerade deshalb geht die Bauverwaltung der Landeshauptstadt (und um jeden falschen Anschein zu vermeiden) geschäftsmäßig mit Dr. med. Stefanie Schuster um. Geht nicht - gestrichen; geht nicht - gestrichen. Wie oft hat sie bei der Planung des Neubauprojekts - das von 2007 an direkt neben dem Stuttgarter Katharinenhospital in Bau gehen wird - diese frustrierende Auskunft bekommen! Dabei kämpft sie beim Klinikneubau doch vorrangig um das, was jetzt im alten Olgäle schon an Bewährtem vorhanden ist: das erneuerte therapeutische Bewegungsbad, von der Verlegerfrau Addy von Holtzbrink gespendet, oder die kleine liebevolle Bibliothek für Kinder, Jugendliche und Eltern. Die schöne hölzerne Arche gleich im Eingangsbereich des Krankenhauses - ein großes Kletterschiff als Symbol der Hoffnung auf ein besseres Leben nach der großen Flut des augenblicklichen Leids.
  Und die drei Clowns, die schon seit einigen Jahren über die Stationen gehen, sogar in die Intensivstation, und ein Lachen der kleinen Patienten und Eltern hervorlocken, denen es eher zum Heulen ist. Mehr als dreimal die Woche können die Clowns nicht kommen - weil es das Budget nicht erlaubt, aber weil auch die Clowns mehr psychische Last gar nicht verkraften könnten als die, welche sie jetzt nach ihren Auftritten mit hinaustragen.
Auf 289 Millionen Euro ist der Neubau der Kinderklinik auf dem Areal des Zentralklinikums der Landeshauptstadt, dem Katharinenhospital, veranschlagt. 155 Millionen übernimmt das Land, den Rest muss die Stadt tragen. Der Regionalverband zahlt keinen Cent, obwohl die schwersten (und medizinisch teuersten) Fälle aus der Region kommen. Schon jetzt, berichtet Stefanie Schuster, arbeitet das Hochbauamt daran, die Kosten radikal zu reduzieren. Umso wichtiger sind die privaten Spendengelder, welche die Ehefrau des StuttgarterOBunermüdlich sammelt. Carl Herzog von Württemberg stellt als Schirmherr der Stiftung seinen guten Namen zur Verfügung. „Aber sechs Millionen Euro, das langt nicht, das weiß ich aus Erfahrung. Es werden mindestens acht bis neun Millionen sein müssen", sagt er. Der Schirmherr setzt die Ziele, und Stefanie Schuster rackert sich ab, sie zu erfüllen.
Wofür dieses Spendengeld? Formalistisch gesagt, um den Status quo der alten Klinik zu halten. In Wahrheit geht es aber um etwas viel Wichtigeres. Es geht, jenseits von neuen Krankenzimmern und Maschinen, um Herz und Seele. Geht um ein liebevolles kindgerechtes Gestaltungskonzept der neuen Klinik, das den kleinen Patienten wie den Erwachsenen die Zukunftsangst nehmen soll - um Dinge wie die Kletterarche, die Clowns in den Krankenzimmern, ein Internetcafé, einen Theaterraum oder das Bewegungsbad.
Auch um den Abschiedsraum. Mit welcher Feinfühligkeit und Herzenswärme Stefanie Schuster für den emotionalpsychischen Bereich wirkt, zeigt sich gerade hier. Dieser Aufbahrungsraum ist jetzt (für 35 000 Euro, die auch mühevoll aus Spenden zusammengetragen wurden) zu einem meditativ gestalteten Zimmer mit warmen Gelb- und Blautönen und indirektem Licht geworden. Die vorherige Kammer, grau und öde, war für Stefanie Schuster jahrelang ein Stein des Anstoßes gewesen: „Der Gedanke, dass sich Eltern dort von ihren verstorbenen Kindern verabschieden mussten, war einfach erschütternd."

Auch Harald Schmidt leistet Hilfe
Wer sich so engagiert für die Schwächsten einsetzt, muss noch andere Tugenden haben: Durchhaltekraft und die Fähigkeit, Enttäuschungen wegzustecken. Zu einer ersten Enttäuschung führte für die Olgäle- Stiftung der große Spendenanlauf jetzt im Sommer 2006 mit zehntausenden von kleinen kartonierten Spendenhäuschen, die vielerorts in die Briefkästen gesteckt wurden. Auf 300 000 Euro hatte die Stiftung gehofft. Gerade mal die Hälfte ist es geworden, 152 600 Euro. War es die ablenkende Wirkung der Fußball-WM, waren es die Sommerferien bis in den September hinein?
Egal, Kopf hoch und weitermachen! Jetzt hofft Stefanie Schuster auf die Hilfe der nächsten selbstlosen Unterstützer: Etwa auf Harald Schmidt, der Ende November im Schauspielhaus Stuttgart einen (schon ausverkauften) Benefizabend fürs Olgäle gibt. Und in besonderer Weise hofft sie natürlich auf Spenden aus dem Kreis der großen Leserschaft unserer Zeitungsgruppe - siehe auch das Editorial auf dieser Seite.

Weitere Informationen unter: www.olgaele-stiftung.de

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